Zuglektüre

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Mehr als sonst Sitze ich im Zug und breche gleich paar Rekorde. Am Montag und Dienstag hatte ich für einen beruflichen Termin hin und zurück jeweils 5 Stunden im Zug gesessen und dabei diese beiden Schätze oben gelesen.

Beides Bücher, die betroffen machen und nebenbei sehr gut zu lesen sind.

Von Oliver Bottini las ich schon einen Krimi, den ich sehr gut fand. Der hier ist umwerfend spannend und erschreckend. Es geht um die Waffenexporte aus Deutschland nach in dem Fall Algerien. Heckler und Koch und so. Und die Verwicklungen des deutschen Staates. Ein Skandal das Ganze. Menschenrechte werden mit Füßen getreten für Profit. Leider kein Einzelfall. Umso mehr sollte man dieses Buch lesen, um viel zu lernen. Also ein gut zu lesender Krimi, von dem man noch was lernen kann, auch Engagement.

Das Buch von Jenny Erpenbeck habe ich verschenkt, ohne es gelesen zu haben. Nun eröffnete sich die Gelegenheit. Was für ein Buch. Erzählt wird die Geschichte des Prof. Em. Richard, der aus einer Beobachter Situation heraus sich entschließt Geflüchteten zu helfen. Dabei entwickeln sich Freundschaften und er merkt, dass er nicht länger ein Unbeteiligter sein kann.

Das Buch der Stunde. Sehr bewegend, tief, sprachlich elegant,  gut zu lesen.
Es macht im besten Sinne empathisch. Ein nicht zu verachtender Aspekt von Romanen, helfen sie uns doch, uns verschiedene Sichtweisen anzueignen.

Blauer Hibiskus

Ich lebe noch! Mittlerweile in Berlin, mit neuem Arbeitgeber (das coole Gemeindejugendwerk). Und um gleich gut zu starten, habe ich eine Rezension für die geschrieben, die ich bei der Gelegenheit mal teile. Neue Beiträge sind auch zu erwarten. u1_978-3-596-03244-0

„Ein großer Wurf, dieses Buch namens „Blauer Hibiskus“ der nigerianischen Autorin Chimamande Ngozie Adichie.

Es ist ein Roman (nicht nur) über geistlichen und körperlichen Missbrauch an einer Jugendlichen und die Befreiung daraus. Eine Coming-Of-Age Geschichte mit dem Hintergrund der wechselvollen und sehr leidvollen Geschichte Nigerias.
Die 15jäjhrige Kambili wächst in Lagos auf, materiell geht es ihrer Familie mehr als gut. Der Vater ist ein angesehener Geschäftsmann und Journalist, der seine politische Meinung offen vertritt und nebenbei Menschenrechtspreise bekommt und ein guter Katholik ist er auch. Die Mutter ist eine liebevolle Person. Doch von Anfang an merkt man beim Lesen, dass etwas nicht stimmt, wenn Kambili (in der Ich-Perspektive) von ihrer Familie erzählt: Schläge und mehr sind an der Tagesordnung, wenn sie und ihr Bruder Jamal nicht mitbeten, ihren („heidnischen“) Großvater für mehr als 15 Minuten besuchen, Dogmen nicht richtig aufsagen, lachen oder nicht die Besten in der Schule sind. Der Vater als totaler Tyrann, der einen äußerst strengen und selbstherrlichen Glauben vorlebt.

Stoisch erträgt Kambili alles, nimmt ihren Vater in Schutz. Sie erträgt alles, bis sie bedingt durch einen Militärputsch und die damit einhergehende Unsicherheit bei ihrer Tante wohnt und dort eine Familie kennenlernt, in der gelacht wird, fröhlich, zweifelnd und anpackend geglaubt wird, inmitten aller Probleme. Dadurch wird eine fatale Kettenreaktion in Gang gesetzt.

Die große Stärke des Romans liegt in der empathischen  und großartigen Schreibweise der Autorin, die sensibel und gleichzeitig deutlich aufzeigt, welche Folgen ein geistlicher Missbrauch hat, dass Gottesbilder blockieren und lebensuntüchtig machen können. Somit stellt dieser Roman die Frage, wie es auch uns in der Kinder- und Jugendarbeit, in unseren Familien gelingen kann, einen weiten und von „Graustufen“ durchzogenenen Glauben zu leben. Nebenbei lernt man beim Lesen viel über Nigeria.

Eine umwerfender, packender und wichtiger Roman“

Erschienen im Fischer Taschenbuchverlag, ISBN: 978-3-596-03244-0, Preis: 10,99 €

 

 

Kleiner Querschnitt der letzten Wochen

Ja, ich weiß. Lange ist es her…

Nun denn: ein kleiner Querschnitt der letzten Wochen:

Hilary Mantel schreibt eine gruselige Geistergeschichte mit „Beyond Black“. Diese ist gelungen, sehr dunkel und eigentlich nichts für meine zarten Nerven. Aber es steckt viel drinnen, vor allem Vergangenheitsbewältigung und die Konsequenzen. Die Hauptperson Alison ist wahrlich vom Unglück verfolgt. Ihre Peiniger lassen sie auch Jahrzehnte später nicht los und nicht immer gelingt die Befreiung. Vor wenigen Tagen las ich dann „Die Ermordung Margret Thatchers“, eine Sammlung von Kurzgeschichten Mantels und ich finde, dass der große Roman, der auch einen großen Umfang hat, ihr besser gelingt.

Chaim Potok: ein Genie. Sehr, sehr sensibel, poetisch, melancholisch. „Die Erwählten“ fand ich grandios, aber auch „Mein Name ist Asher Lev“ und „Das Versprechen“ stehen dem in Nichts nach. Alles Bücher über Loslösung der Vorprägung seitens der Religion und der Herkunft. Wie kann ich meinen eigenen Weg gehen und gleichzeitig meiner Herkunft treu bleiben. Spannend ist die Beschreibung der verschiedenen jüdischen Konfenssionen. Sehr eng trifft auf liberal und wie so oft bringt dies Konflikte hervor. Bücher, die das Herz berühren!

Zwischendurch lese ich Krimis von Andreas Föhr, die einfach mal nur unterhalten.

Vor drei Wochen war wieder das Treffen der Micha-Initiative, daraufhin las ich von Sr. Hatune Dogan „Ich glaube an die Tat“ über Flüchtlinge. Krasses Buch, sehr aufwühlend, denn sie arbeitet unter Flüchtlingen, die vor dem IS geflohen sind uns unsagbares Leid erlebten. Wie kann man da an die Güte Gottes glauben? Dennoch ist es ein wichtiges Buch. Und ein Fachbuch liegt jetzt auch bei mir: herausgegeben von Thomas Kröck und Gisela Schneider erschien im Francke Verlag ein weiterer Band der Transformationssstudien, diesmaal mit dem spannenden Titel „Partnerschaft, Gerechtigkeit, Transformation. Christliche Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit.“ Ein Buch, von dem ich viel lerne. Ich berichte, wenn ich es ausgelesen habe.

Und die Detektivinnenreihe von  Alexander McCall-Smith mit der wunderbarer Precious Ramotswe sind ausgelesen und für sehr gut befunden. Bücher, die der Seele Wohltat bieten und Güte, Freundlichkeit und Menschlichkeit zeigen und sich nebenbei leicht lesen.

Facettenreich

Ui, das ist aber lange her, dass ich etwas geschrieben habe… nun denn, einmal mehr eine kleine Buchbesprechung und ein Zeichen dafür, dass es mich noch gibt.

Momentan lese ich mal wieder weniger, aber es bessert sind. Erfreuliche Geschenke, Buchgewinne (kaum arbeite ich nicht mehr in einer Buchhandlung, gewinne ich was), Funde in der Bibliothek, Oxfam etc.

Ein Autor, bei dem ich immer noch rätsle, wie ich auf ihn aufmerksam wurde, und der es mit seinen Büchern schafft, eine innere Ahnung, ein tiefes Geheimnis anzurühren, ist Chaim Potok. Seine Hauptwerke „Die Erwählten“ und „Das Versprechen“ gehen tiefer als Worte es ausdrücken können. Beide Bücher handeln von den jungen Männern Reuven Malten und Daniel Saunders, die im jüdischen New York der 1950’er und 60’er aufwachsen. Beide kommen aus unterschiedlichen Welten – aber in der gleichen Religion. Reuvens Vater ist ein eher liberaler, wissenschaftlicher Rabbi, dem viel am Dialog liegt und das sein Sohn denken in verschiedenene Richtungen lernt – ohne die Religion zu vergessen (v.a. das Talmud Studium).  Daniel kommt aus einer strengen Richtung des Judentums (chassidisch), sein Vater kennt nur eine Richtung des Judentums und erzieht seinen Sohn im Schweigen und in der Stille. Beide Jungen treffen in einem Baseballspiel aufeinander, in dem Daniel Reuven verletzt. Ungeachtet dessen freunden sich die beiden Jungen an und werden füreinander Welten-Öffner. Wie Potok das beschreibt, ist sehr, sehr bewegend. Beide wachsen mit Vorurteilen auf und lernen durch den anderen, sich zu öffnen, auch durch die Begegnung von Reuven mit Daniels Vater und durch Daniels Beschäftigung mit Psychologie. Was ich an dem Autor sehr schätze, ist, dass er keine Richtung des Judentums vorverurteilt, sondern empathisch bleibt. Reuven und Daniel lernen sich zu lösen und dennoch treu zu bleiben. In „Das Versprechen“ sind beide Studenten und versuchen gemeinsam, dem psychisch kranken Sohn Michael einen jüdischen Gelehrten zu helfen. In diesem Buch wird das Spektrum des Judentums erweitert. Michaels Vater Abraham glaubt nicht (mehr) an Gott, sondern fragt sich, wie er die Religion und Tradition verantwortungsbewusst pflegen kann. Dem gegenüber steht der Talmud-Lehrer von Reuven, der dem Grauen der Nazizeit entkommen ist und auch Jahre später seine Lehre verteidigen muss.

Ungemein faszinierend an den Büchern ist der tiefe Einblick in die jüdische Welt und das jüdische Denken. Das Judentum ist mindestens genauso facettenreich wie das Christentum oder der Islam. Vorurteile gibt es überall, die Verteidigung der „reinen“ Lehre auch. Das alles ist recht detailliert aufgeschrieben, langweilt aber nicht, auch wenn es stille Bücher sind. Bücher, die Mut machen, das eigene Leben, die eigenen Glaubenstradition zu hinterfragen, sich zu lösen, Gott neu zu finden. Von daher: große Empfehlung!

Schuld(en) und Kapitalismus

Diese Tage las ich mal wieder ein feines Büchlein des Philosophen Byung-Chul Han. Einer, der sehr scharfsinnig und treffsicher formuliert, auch in „Agonie des Eros„. Dabei geht es auch um die Schuldenkrise. Sehr einleuchtend fand ich folgendes Zitat, wenngleich der Knoten im Kopf, wie mit Griechenland umgegangen werden soll nicht kleiner wird.

„Sowohl die Entschuldung als auch die Gratifikation setzen die Instanz des Anderen voraus. Die fehlende Bindung an den Anderen ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit für  die Gratifikations- und Schuldenkrise. Diese Krisen machen deutlich, dass der Kapitalismus entgegen der verbreiteten Annahme (z.B. Walter Benjamin) keine Religion ist, denn jede Religion operiert mit Schuld und Entschuldung. Der Kapitalismus ist nur verschuldend. Er verfügt über keine Möglichkeit der Sühne, die den Schuldigen von seiner Schuld befreien würde.“

 

Secret Life

Endlich kam ich mal dazu den wunderbaren Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ zu sehen. Wirklich wunderbar. Ein Film, der Mut macht, auszubrechen, aufhören nur zu träumen, was zu wagen verbunden mit Bildern, die sprachlos machen, viel Sinn und toller Musik.

Satire und Nihilismus

Ich denke viel über die wenigen Tage in diesem Jahr nach, die schon so ereignisreich und traurig waren. Ganz besonders denke ich an Paris und die Folgen des Terrors, insbesondere in dem Zusammenhang, ob Satire alles darf und was das ist und wohin das führt. Und dennoch muss ein umdenken passieren. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind von totalem Säkularismus ausgegangen, der Nihilismus folgt auf dem Fuß. Wohin das führt, las ich soeben in diesem guten Artikel der Zeitschrift First Things. Und möchte dem Autor recht geben. Passenderdweise las ich heute von Loriot Dinge zum Thema Satire. Folgt. Gedanken?